Sternstunden-Talk: Die Kinder-Psyche im Alarm-Modus

Psychische Erkrankungen nehmen deutlich zu – oft bereits im Grundschulalter –, während Hilfesysteme, staatliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nicht Schritt halten. Rund 20 Prozent der Kinder haben zuletzt eine emotionale Ausnahmesituation mit Selbstverletzung erlebt, die Hälfte aller späteren psychischen Erkrankungen beginnt im Kindes- und Jugendalter und prägt das gesamte Leben. Gleichzeitig warten Familien oft länger als ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz, auch ambulante Angebote sind schwer erreichbar. 

Beim Sternstunden-Talk am 9. Juni diskutierten Fachleute aus Medizin, Jugendhilfe, Sozialpraxis und Politik über diese akute Lage und darüber, wie Prävention, bessere Vernetzung und konkrete Hilfsangebote Kinder und Jugendliche stärken können.

Trauma-Therapie bei Kindern: Sternstunden unterstützt ein Projekt in der ukrainischen Stadt Odessa, wo die Theodor-Hellbrügge-Stiftung traumatisierten Kindern hilft. (© Foto: Theodor-Hellbrügge-Stiftung )
Sternstunden e.V.
Von Sternstunden e.V.
Beitrag erstellt am: 17. Juni 2026

Expertinnen und Experten schlagen Alarm

Die Runde war sich einig: Die Kinderpsyche ist im Alarm-Modus. Leistungsdruck in der Schule, Social Media, Cybermobbing, Armut, familiäre Gewalt, Missbrauch sowie Zukunftsängste belasten Kinder und Jugendliche massiv. Gleichzeitig besteht dringender Handlungsbedarf bei der Etablierung wirkungsvoller, regionaler Hilfesysteme, die die Fachleute momentan als „Flickenteppich“ beschreiben.

Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg, machte deutlich, dass ein großer Teil psychischer Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt und frühe (Nicht-)Behandlung ganze Lebenswege prägt. Er forderte ein klar strukturiertes, gestuftes Versorgungssystem – von Prävention und frühen Hilfen bis zur Klinik, gut koordiniert und verlässlich finanziert.

Beim Sternstunden-Talk zum Thema "Die Kinder-Psyche im Alarm-Modus" diskutierten (v. r. n. l. sitzend) Prof. Dr. Marcel Romanos, Pater Stefan Stöhr, Bernhard Seidenath, MdL und Juliane Pougin unter Moderation von Thorsten Otto (BR). Die Einführung zum Thema machte Natalie Schmid, Geschäftsführerin von Sternstunden.   (© Foto: Sternstunden e.V.)

Digitale Lebenswelt: Risiko und Rettungsanker zugleich

Wie groß die Hemmschwelle ist, sich Hilfe zu holen, zeigte Juliane Pougin von der Organisation "krisenchat": Mehr als 70 Prozent der Jugendlichen, die den anonymen Chat nutzen, haben zuvor mit niemandem über ihr Problem gesprochen, über 20 Prozent der Gespräche drehen sich um Suizidgedanken.

Digitale, niedrigschwellige Angebote können wichtige Rettungsanker sein – gerade für junge Menschen, die sich sonst niemandem anvertrauen. Zugleich warnte Juliane Pougin vor den Gefahren des Netzes und mahnte, der digitale Raum dürfe nicht antidemokratischen Kräften überlassen werden. Sie plädierte für klare Schutzregeln und ein verpflichtendes Schulfach „Mentale Gesundheit“.

Armut, Schule und fehlende Unterstützung als Brennglas

Armut und soziale Ungleichheit wurden als zentrale Risikofaktoren benannt. Rund jedes siebte Kind in Deutschland wächst in Armut auf; Gewalt, Missbrauch, familiäre Instabilität und Migrationsbelastungen erhöhen den Druck zusätzlich.

Die Schule wirkt häufig als Brennglas: Sie ist neben der Familie einer der größten Stressfaktoren. Gefordert wurde, Schule konsequent als Sozialraum zu denken – mit Beratung, Unterstützung im Alltag und einem Blick auf den Menschen, nicht nur auf die Leistung. Politisch brauche es kürzere Wartezeiten, mehr Kapazitäten und eine bessere Vernetzung vorhandener und zukünftiger Hilfesyteme.

Frühe Hilfen, sichere Räume und verlässliche Beziehungen

Wie wirkungsvoll frühe, analoge Erfahrungen sein können, schilderte Pater Stefan Stöhr von Don Bosco München. Zirkus- und Erlebnispädagogik, tiergestützte Angebote und liebevoll gestaltete Räume stärken Persönlichkeit und Selbstwert von Kindern und Jugendlichen und schützen vor Einsamkeit.

Im Mittelpunkt stehen die „3 Z“ der Sozialpädagogik: Zuneigung, Zutrauen und Zuversicht. Kinder sollen sich etwas zutrauen, Erfolge erleben und auch scheitern dürfen, ohne ständig bewertet zu werden. Stöhr warnte eindringlich vor Kürzungen bei Jugendclubs und offenen Angeboten, weil hier wichtige Präventionsräume verloren gehen.

Juliane Pougin vom Krisenchat spricht beim Sternstunden-Talk über die Relevanz niedrigschwelliger, digitaler Hilfsangebote im geschützten Raum. (© Foto: Sternstunden e.V.)

Sternstunden: Projektförderer und Brückenbauer zugleich

Durch die Förderung von Kinderhilfsprojekten füllt Sternstunden Lücken, wo staatliche Systeme zu spät oder gar nicht greifen und die genau hier ansetzen – bei früher Unterstützung, sicheren Räumen und verlässlichen Bezugspersonen. Unterstützt werden unter anderem sieben Projekte des Vereins „Menschenskinder“ (Prof. Romanos) und 17 Projekte der Salesianer Don Bosco in Bayern mit erheblichen Mitteln.

Gleichzeitig versteht sich Sternstunden als Brückenbauer: Praxis, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft werden miteinander vernetzt und an einen Tisch gebracht, um gemeinsame Lösungen zu entwickeln – so wie beim Sternstunden-Talk.

Fazit: Dringender Handlungsbedarf zum Schutz der mentalen Gesundheit bei Kindern

Die Expertinnen und Experten waren sich einig, dass es jetzt entschlossenes Handeln braucht:

· Ein gestuftes, flächendeckendes Versorgungssystem von Prävention bis Klinik

· Klare gesetzliche Altersgrenzen und Schutzregeln für Social Media

· Schule als Lern-, Sozial- und Schutzraum – nicht nur Leistungsort

· Stopp der Kürzungen bei Jugendclubs und präventiven Angeboten

· Deutlich mehr Kapazitäten und bessere Vernetzung im Hilfesystem

Der Sternstunden-Talk hat gezeigt, wie entscheidend der Austausch unterschiedlicher Akteure ist und wie viel möglich wird, wenn alle für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeiten: Kindern und Jugendlichen die Unterstützung zu geben, die sie dringend brauchen. 

Herzlichen Dank an alle Referentinnen und Referenten, Gäste, Partner und Mitwirkenden, die ihre Expertise, Zeit und Haltung beim Sternstunden-Talk eingebracht haben.

Spenden-Konto

Spenden